Kaffeesorten und Varietäten: der Stammbaum hinter deiner Tasse
In Teil 1 dieser Reihe ging es um die Geschichte des Kaffees, in Teil 2 um seine Entwicklung seit der Second Wave, und in Teil 3 darum, wo und unter welchen Bedingungen Kaffee wächst. Diesmal graben wir noch tiefer – oder genauer: weiter zurück. Denn bevor Third Wave, Specialty Coffee, Terroir oder Industriekaffee überhaupt eine Rolle spielen, stellt sich eine viel grundsätzlichere Frage: Woher kommen die Sorten, die in deiner Tasse landen, eigentlich botanisch her? Caturra, Bourbon, Geisha, Catimor – das sind keine Marketingnamen, sondern echte, oft über Jahrzehnte dokumentierte Abstammungslinien.
Dieser Beitrag zeigt den Coffea-Stammbaum von der Wurzel bis zu den Sorten, die heute in Filterkaffee, Espresso oder Capsule landen. Keine Sorge, du brauchst dafür keine Vorkenntnisse in Botanik: Am Ende verstehst du, warum manche Sorten wie Geschwister zueinander stehen und andere reiner Zufall der Natur sind – und warum das für den Geschmack in deiner Tasse tatsächlich einen Unterschied macht.
Kaffeesorten in Kürze
Alle Kaffeesorten der Welt gehen auf wenige Wildarten der Gattung Coffea zurück. Arabica selbst entstand aus einer natürlichen Kreuzung zweier Wildarten (Canephora × Eugenioides). Aus Arabica wiederum entwickelten sich durch Mutation (z. B. Bourbon aus Typica) und Kreuzung (z. B. Mundo Novo aus Typica × Bourbon) hunderte weitere Sorten – von uralten äthiopischen Landrassen wie Geisha bis zu modernen, rostresistenten Zuchtlinien wie Ruiru 11 und Batian aus Kenia.
Was dich in diesem Beitrag erwartet:
Sorte, Varietät, Art: was diese Begriffe wirklich bedeuten
Die Wurzel: sechs ausgewählte Wildarten der Gattung Coffea
Ein Zufall der Natur: wie Arabica entsteht
Mutation oder Kreuzung? Zwei Wege zu neuen Sorten
Die Typica-Familie: die Urahnen
Die Bourbon-Familie: der zweite große Zweig
Wenn zwei Familien sich treffen: Typica × Bourbon
Widerstandsfähig durch Wildblut: die Timor-Hybrid-Familie
Kenias eigener Weg: Ruiru 11 und Batian
Äthiopische Landrassen: eigenständige Ursprungspopulationen
Geisha: eine äthiopische Landrasse auf Weltreise
Wenn Familien sich kreuzen: Pacamara und Maracaturra
Was der Stammbaum für deine Tasse bedeutet
Häufige Fragen zu Kaffeesorten und Varietäten
Sorte, Varietät, Art: was diese Begriffe wirklich bedeuten
Im Alltag werden „Sorte", „Varietät" und „Kaffeeart" oft munter durcheinandergeworfen. Botanisch ist die Sache klarer: Art (Species) bezeichnet die großen, biologisch eigenständigen Zweige der Gattung Coffea – Arabica (Coffea arabica), Robusta (Coffea canephora), Liberica (Coffea liberica) und, seit einer Genomstudie von 2025, auch Excelsa (Coffea dewevrei) als eigene Art. Varietät dagegen meint die Unterscheidung innerhalb einer Art – Typica, Bourbon, Caturra oder Geisha sind alle Varietäten von Arabica, keine eigenen Arten.
Was oft für Verwirrung sorgt: Röstereien und Händler verwenden zusätzlich eigene Handelsnamen, die weder Art noch botanische Varietät sind, sondern reine Vermarktungsbegriffe – „Heirloom" ist das bekannteste Beispiel dafür (mehr dazu in Abschnitt 10). Für dich als Konsument lohnt sich die Unterscheidung trotzdem: Wenn eine Verpackung „Arabica" sagt, sagt das noch nichts über die eigentliche Sorte – das ist ungefähr so aussagekräftig wie „Apfel" ohne Angabe, ob es sich um einen Boskop oder einen Gala handelt.
Die Wurzel: sechs ausgewählte Wildarten der Gattung Coffea
Die Gattung Coffea gehört zur Familie der Rötegewächse (Rubiaceae) und umfasst weltweit über 130 bekannte Arten – die allermeisten davon spielen im kommerziellen Kaffeeanbau keine Rolle. Für die Geschichte von Arabica sind vor allem sechs Wildarten dokumentiert relevant, nicht weil es nur diese sechs gäbe, sondern weil ihre Beziehung zu Arabica als Elternteil, naher Verwandter oder wiederholt genannter Nachbar in der Fachliteratur belegt ist:
Liberica und Excelsa – lange als eine einzige Art geführt (Excelsa als Varietät von Liberica), bis eine Genomstudie im August 2025 (Nature Plants) zeigte, dass „Liberica-Kaffee" in Wirklichkeit drei eigenständige Arten umfasst. Excelsa gilt seither als eigene Art und als vielversprechende, klimaresistente Anbau-Alternative für tiefliegende, heiße Regionen, in denen weder Arabica noch Robusta gut gedeihen.
Eugenioides und Canephora (der Robusta-Art) sind die beiden bestätigten Elternarten von Arabica selbst (mehr dazu im nächsten Abschnitt).
Anthonyi wurde erst 2009 wissenschaftlich beschrieben – eine selbstbestäubende Wildart aus Kamerun, botanisch nah an einem Vorfahren von Arabica, aber kein bestätigter Hybrid-Elternteil. Congensis stammt aus den Regenwäldern des Kongobeckens und kreuzt sich leicht mit Canephora; daraus entstanden Nutz-Hybriden wie Congusta, die aber der Canephora-Seite zuzurechnen sind, nicht dem Arabica-Zweig.
Ein Zufall der Natur: wie Arabica entsteht
Arabica ist die einzige der großen Kaffeearten, die selbst aus einer Kreuzung zweier anderer Arten hervorging: einer natürlichen Hybridisierung von Coffea canephora (Robusta) und Coffea eugenioides, wie eine Genomstudie 2024 in Nature Genetics bestätigte – wir hatten das bereits in Teil 1 dieser Reihe ausführlicher erklärt. Das Ergebnis ist botanisch bemerkenswert: Arabica trägt einen doppelten Chromosomensatz beider Elternarten und ist dadurch genetisch deutlich weniger variabel als Robusta – ein Grund, warum Arabica anfälliger für Krankheiten wie Kaffeerost ist und warum so viel Zuchtarbeit in Resistenz statt nur in Geschmack fließt (siehe Abschnitt 8).
Von dieser einen Kreuzung aus verzweigt sich alles Weitere, was du in diesem Beitrag liest: Eine Wildart wurde zur kultivierten Art, und aus dieser einen Art entstanden über die Jahrhunderte durch Mutation und weitere Kreuzung hunderte Varietäten.
Mutation oder Kreuzung? Zwei Wege zu neuen Sorten
Fast jede Arabica-Sorte, die du in diesem Beitrag findest, entstand auf einem von zwei Wegen – und genau das zeigt auch die Linienführung im Stammbaum (Grafik 4, siehe Anhang A): Eine durchgezogene Linie bedeutet direkte Abstammung durch Mutation oder Selektion – eine einzelne Pflanze verändert sich spontan (z. B. wird kleinwüchsiger oder trägt größere Bohnen), Züchter entdecken das und vermehren gezielt davon weiter. Bourbon aus Typica, Caturra aus Bourbon oder Pache aus Typica sind Beispiele dafür.
Eine gestrichelte Linie dagegen bedeutet Kreuzung: zwei bestehende Sorten werden gezielt oder natürlich miteinander gekreuzt, das Ergebnis vereint Eigenschaften beider Elternsorten. Mundo Novo (Typica × Bourbon) oder Catimor (Caturra × Hibrido de Timor) sind Kreuzungen in diesem Sinn. Mit dieser einfachen Unterscheidung im Kopf liest sich der Rest dieses Beitrags – und die Grafik – deutlich leichter.
Die Typica-Familie: die Urahnen
Typica ist die Wurzelvarietät praktisch aller heute kultivierten Arabica-Sorten – eine äthiopische Herkunft, die im 17. Jahrhundert über Jemen nach Java gelangte und von dort mit den Niederländern um die Welt reiste. International trägt sie je nach Region unterschiedliche Namen (Criollo, Creole, Indio, Arábigo, Plume Hidalgo, Blue Mountain, Sumatra) – alles Lokalbezeichnungen derselben Sorte.
Aus Typica entstanden durch natürliche Mutation mehrere bekannte Ableger: Maragogype, 1870 in Brasilien entdeckt, mit auffällig großen Blättern, Früchten und Bohnen, aber so geringem Ertrag, dass sie heute meist von der Kreuzung Pacamara ersetzt wird (siehe Abschnitt 12). Pache, 1949 auf einem einzelnen Hof in Guatemala entdeckt – im Kaffeehandel traditionell als Bourbon-Mutation geführt, laut offiziellem WCR-Sortenkatalog aber genetisch eindeutig eine Typica-Mutation, weshalb wir sie hier korrekt einordnen. Blue Mountain, seit 1728–1730 in Jamaika kultiviert, und Kona, die 1899 von Kunigoro Yokoyama aus Guatemala nach Hawaii gebracht wurde.
Die Bourbon-Familie: der zweite große Zweig
Bourbon ist selbst eine natürliche Typica-Mutation – über Jemen auf die Insel Île Bourbon (das heutige Réunion) gebracht, im 18. Jahrhundert. World Coffee Research beschreibt Bourbon als „eine der kulturell und genetisch wichtigsten Arabica-Varietäten der Welt". Aus ihr entstanden mehrere kleinwüchsige Mutationen, die bis heute im Spezialitätenkaffee gefragt sind: Caturra (Brasilien, 1915–1918 entdeckt), Villa Sarchi (Costa Rica, 1950er/60er), Pacas (El Salvador, 1949) und Laurina (deutlich koffeinärmer als der Rest der Familie).
Eine echte Institution aus Kenia gehört ebenfalls hierher: Die SL-Sorten entstanden 1935–1939 bei den Scott Agricultural Laboratories in Kenia, benannt nach ihren Selektionsnummern. SL-28 ist klar Bourbon-verwandt und gilt bis heute als eine der besten Tassenqualitäten überhaupt – bei niedrigem Ertrag und hoher Krankheitsanfälligkeit. Interessante Nuance: SL-34, meist im selben Atemzug wie SL-28 genannt, stuft der offizielle WCR-Katalog genetisch eigentlich als Typica-verwandt ein – beide stammen zwar aus demselben Zuchtprogramm, gehören aber laut DNA-Analyse unterschiedlichen Gruppen an.
Und schließlich Kent: 1920 in Indien auf dem Anwesen der Familie Kent gefunden und historisch als Typica-Selektion geführt. Neuere DNA-Fingerprinting-Analysen von World Coffee Research zeigen jedoch, dass Kent genetisch näher mit Bourbon verwandt ist – eine Einordnung, für die wir uns nach Abwägung beider Quellen hier entschieden haben. Kent ist bekannt für frühe Resistenz gegen Kaffeerost und war Ausgangsbasis mehrerer weiterer südindischer Zuchtlinien.
Wenn zwei Familien sich treffen: Typica × Bourbon
Nicht jede neue Sorte entsteht durch Mutation – manche entstehen, wenn sich zwei etablierte Familien kreuzen. Mundo Novo ist das prominenteste Beispiel: eine natürliche Kreuzung aus Typica und Bourbon, 1943 in São Paulo, Brasilien, entdeckt. Sie wächst kräftig, reagiert gut auf Rückschnitt und eignet sich gut für die maschinelle Ernte – Eigenschaften, die sie zu einer der wirtschaftlich wichtigsten Sorten Brasiliens machten.
Aus Mundo Novo wiederum entstand Catuai: eine gezielte Kreuzung aus Caturra und Mundo Novo, am Instituto Agronômico de Campinas (IAC) 1949 gekreuzt und 1972 veröffentlicht. Kompakter Wuchs und mittlerer Ertrag bei guter Qualität machten Catuai vor allem in Mittelamerika populär – allerdings bei sehr hoher Anfälligkeit für Kaffeerost.
Widerstandsfähig durch Wildblut: die Timor-Hybrid-Familie
In den 1920er-Jahren geschah auf der Insel Timor etwas Ungewöhnliches: Arabica und Robusta kreuzten sich auf natürlichem Weg. Das Ergebnis, der Hibrido de Timor, trägt bis heute die Basis fast aller rostresistenten modernen Kaffeesorten in sich – denn die Resistenz gegen Kaffeerost stammt letztlich aus dem Robusta-Erbteil.
Aus dem Hibrido de Timor entwickelten Züchter zwei große Linien: Catimor (Kreuzung mit Caturra, entwickelt am CIFC in Portugal ab 1959) und Sarchimor (Kreuzung mit Villa Sarchi, CATIE, 1960er). Wichtig zu wissen: Beide Namen sind Sammelbegriffe für viele verschiedene Einzelsorten mit ähnlicher Abstammung, keine einzelne, einheitliche Sorte. Bekannte Vertreter sind Catimor 129, Colombia, Castillo und Marsellesa.
Ein Wermutstropfen, den auch World Coffee Research offen anspricht: Weil die meisten Timor-Hybrid-Nachfahren ihre Rostresistenz über denselben gemeinsamen Elternteil erhielten, bricht diese Resistenz vielerorts in den letzten Jahrzehnten zusammen – bereits bestätigt etwa bei Lempira in Honduras und Costa Rica 95 in Costa Rica. Rostresistenz ist also kein für alle Zeit garantiertes Merkmal, sondern etwas, das ständig neu erarbeitet werden muss.
Kenias eigener Weg: Ruiru 11 und Batian
Kenia hat mit seinem staatlichen Kaffeezuchtprogramm (früher Coffee Research Foundation, heute KALRO) zwei besonders komplexe Zuchtlinien hervorgebracht. Ruiru 11, 1985 veröffentlicht, ist eine Kreuzung aus Catimor (als weiblichem Elternteil) und einer Multikreuz-Selektion aus K7, SL-28, N39 und Rume Sudan (als männlichem Elternteil) – gezielt gegen Kaffeekirschenkrankheit gezüchtet, mit sehr hohem Ertrag, aber nur solider statt herausragender Tassenqualität.
Batian folgte 2010 als ertrags- und qualitätsverbesserte Alternative: ebenfalls eine komplexe Kreuzung, mit teils denselben Ausgangslinien (SL-28, SL-34, Rume Sudan, N39, K7, SL-4 und der Hibrido de Timor). Interessant für den Stammbaum: Batian stammt laut offiziellem WCR-Sortenkatalog nicht genetisch von Ruiru 11 ab – die verbreitete Beschreibung „Nachfolger von Ruiru 11" bezieht sich auf die Zuchtprogramm- und Vermarktungsebene (Batian wird in Kenia als empfohlener Nachfolger für Neupflanzungen beworben), nicht auf eine direkte Eltern-Kind-Beziehung. Botanisch sind beide eher Geschwister mit teils gemeinsamen Eltern als Eltern und Kind.
Äthiopische Landrassen: eigenständige Ursprungspopulationen
Nicht jede Arabica-Sorte lässt sich sauber in Mutation oder Kreuzung einsortieren. Eine eigene Kategorie bilden äthiopische Landrassen – Populationen, die direkt in Äthiopien gesammelt wurden, ohne gezielte Züchtung. Neben Geisha (dazu gleich mehr) gehören dazu:
Rume Sudan, eine äthiopisch-sudanesische Landrasse vom Boma-Plateau, 1942 gesammelt. Sie hat im offiziellen WCR-Katalog kein eigenes Sortenprofil, taucht aber wiederholt als benannter Elternteil auf – unter anderem bei den modernen F1-Hybriden Centroamericano und Milenio sowie, wie gerade gesehen, bei Ruiru 11 und Batian.
Yemenia, die erste offiziell registrierte jemenitische Sorte: beschrieben von Qima Coffee gemeinsam mit Dr. Christophe Montagnon, angekündigt am 14. August 2020, auf Basis einer genetischen Erhebung über mehr als 25.000 Quadratkilometer im Jemen. Botanisch handelt es sich um eine eigenständige Mutterpopulation innerhalb der Art Arabica, entstanden über mindestens 300 Jahre natürlicher Selektion im Jemen – keine gezielte Züchtung.
Pink Bourbon, trotz des Namens keine Bourbon-Mutation: Erstmals in der kolumbianischen Region Huila aufgefallen, wegen ihrer auffällig rosafarbenen statt roten oder gelben Kirschen. Genomische Untersuchungen aus 2017 und 2023 zeigen, dass Pink Bourbon genetisch eine äthiopische Landrasse ist – der Handelsname „Bourbon" bleibt bestehen, weil er sich schlicht besser vermarkten lässt. Ein gutes Beispiel dafür, dass ein eingängiger Name nicht immer die botanische Wahrheit erzählt.
Was heißt eigentlich „Heirloom"? Kein botanischer Fachbegriff, sondern ein im Kaffeehandel entstandener Sammelbegriff für äthiopische Sorten, deren genaue Abstammung – Typica-Linie, Bourbon-Linie oder eigenständige Landrasse – den Einkäufern schlicht nicht bekannt war. In Äthiopien wachsen über 10.000 regionale Landrassen wild, viele mit eigenen lokalen Namen, aber ohne internationale Standardisierung. Kritiker sehen darin einen Nachteil für äthiopische Erzeuger: differenziert benannte, klar zurückverfolgbare Sorten könnten am Markt höhere Preise erzielen als das pauschale „Heirloom".
Geisha: eine äthiopische Landrasse auf Weltreise
Kaum eine Sorte zeigt so anschaulich, wie weit eine äthiopische Landrasse reisen kann, wie Geisha. Ihre Wurzeln liegen im Gori-Gesha-Wald in Äthiopien; Samen wurden 1936 von einem britischen Konsul gesammelt und gelangten zunächst nach Tansania, später nach Costa Rica. Erst in den 1960er-Jahren kam Geisha – zunächst wegen ihrer Rostresistenz, nicht wegen ihres Geschmacks – nach Panama, in die Region Boquete.
Warum genau diese Sorte heute für Rekordpreise bei Auktionen sorgt, welche Rolle ein bestimmter Wettbewerb im Jahr 2004/2005 dabei spielte und warum das nicht jede Geisha betrifft, erfährst du ausführlich im zweiten Teil dieser Reihe – dort geht es speziell um Geisha als Preis- und Marketing-Phänomen. Hier interessiert uns vor allem die botanische Herkunft: Geisha ist keine Kreuzung und keine Mutation, sondern eine direkt gesammelte, eigenständige äthiopische Population – genau wie Rume Sudan, Yemenia und Pink Bourbon aus dem letzten Abschnitt.
Wenn Familien sich kreuzen: Pacamara und Maracaturra
Manche Sorten verbinden nicht nur zwei Einzelsorten, sondern gleich zwei ganze Familien. Pacamara ist die Kreuzung aus Pacas (Bourbon-Familie) und Maragogype (Typica-Familie), in El Salvador entwickelt. Sie gilt laut offiziellem WCR-Katalog als „Exceptional" in der Tassenqualität – der höchsten Bewertungsstufe – allerdings bei sehr hoher Anfälligkeit für Kaffeerost.
Maracaturra folgt derselben Logik: eine Kreuzung aus Maragogype (Typica-Familie) und Caturra (Bourbon-Familie), vermutlich im späten 19. Jahrhundert in Brasilien natürlich entstanden. Heute wird sie vor allem in Brasilien, El Salvador und Nicaragua angebaut. Ein kleiner, aber bezeichnender Unterschied zu Pacamara: Maracaturra taucht im offiziellen WCR-Sortenkatalog nicht auf – kein Widerspruch, sondern ein Hinweis darauf, dass es sich um eine informell benannte, regional begrenzte Kreuzung ohne offiziellen, breit katalogisierten Sortenstatus handelt, anders als die sehr wohl katalogisierte Pacamara.
Was der Stammbaum für deine Tasse bedeutet
Warum lohnt sich dieses ganze Stammbaum-Wissen für dich als Kaffeetrinker? Weil Sortenkenntnis erklärt, warum zwei Kaffees aus derselben Region völlig unterschiedlich schmecken können. Eine Sorte, die historisch vor allem auf Ertrag und Krankheitsresistenz gezüchtet wurde (wie viele Timor-Hybriden oder Ruiru 11), schneidet im Cupping tendenziell solider, aber unauffälliger ab als eine direkt gesammelte äthiopische Landrasse wie Geisha oder Rume Sudan – nicht, weil die eine „schlechter" gemacht ist, sondern weil ihr Zuchtziel ein anderes war.
Für dich heißt das: Ein Blick auf die Sortenangabe auf der Verpackung sagt oft mehr über den zu erwartenden Geschmack aus als die Herkunftsregion allein. Genau das schmecken wir gemeinsam in der Filterkaffee Meisterklasse in Garmisch-Partenkirchen – dort geht es nicht nur um Brühtechnik, sondern auch um Sensorik: wie du Sortenunterschiede tatsächlich in der Tasse erkennst, statt sie nur auf dem Papier zu kennen.
Häufige Fragen zu Kaffeesorten und Varietäten
Was ist der Unterschied zwischen Kaffeeart und Kaffeevarietät?
Art (Species) bezeichnet die großen botanischen Zweige – Arabica, Robusta, Liberica, Excelsa. Varietät bezeichnet die Unterscheidung innerhalb einer Art, zum Beispiel Typica, Bourbon oder Caturra innerhalb von Arabica.
Wie viele Kaffeevarietäten gibt es?
Das Cafe-Imports-Sortenregister katalogisiert über 100 Varietäten, weltweit dürften noch deutlich mehr unbeschriebene Landrassen existieren. Die Gattung Coffea selbst umfasst sogar über 130 bekannte Arten.
Was ist der Unterschied zwischen Typica und Bourbon?
Beide sind direkte Mutationen äthiopischer Herkunft, die sich auf unterschiedlichen Wegen um die Welt verbreiteten: Typica über Jemen nach Java, Bourbon über Jemen auf die Insel Île Bourbon (Réunion).
Was ist Catimor beziehungsweise Sarchimor?
Rostresistente Kreuzungen aus Caturra beziehungsweise Villa Sarchi mit dem Hibrido de Timor, einer natürlichen Arabica-Robusta-Kreuzung. Beide Namen sind Sammelbegriffe für viele Einzelsorten, keine einzelne, einheitliche Sorte.
Stammt Batian von Ruiru 11 ab?
Nein. Laut offiziellem WCR-Sortenkatalog sind beide eigenständige kenianische Zuchtlinien mit teils gemeinsamen Elternsorten, aber ohne direkte genetische Abstammungsbeziehung. Batian gilt züchterisch als Nachfolger, nicht als genetischer Nachkomme von Ruiru 11.
Woher kommt die Geisha-Kaffeesorte ursprünglich?
Aus dem Gori-Gesha-Wald in Äthiopien. Über Tansania und Costa Rica gelangte sie in den 1960er-Jahren schließlich nach Panama, wo sie später zum Preis-Phänomen wurde (mehr dazu in Teil 2 dieser Reihe).
Ist Robusta eine eigene Kaffeeart?
Ja – Robusta ist der gängige Handelsname für die botanische Art Coffea canephora.
Fazit
Der Coffea-Stammbaum zeigt: Hinter jeder Tasse Kaffee steckt eine oft jahrzehntelange, manchmal jahrhundertelange Geschichte aus Zufall, Mutation und gezielter Züchtung. Von sechs Wildarten über eine einzige folgenreiche Kreuzung bis zu hunderten Varietäten – und mittendrin immer wieder Überraschungen, wenn sich zeigt, dass ein vertrauter Name (Pink Bourbon, Pache, Kent) botanisch nicht das bedeutet, was der Handel jahrzehntelang angenommen hat.
Wenn du selbst tiefer einsteigen willst, komm zu uns in den Kurs:
Quellen
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Cafe Imports: „The Cafe Imports Coffee Family Tree", 4. Auflage (Dezember 2018), von Robin zur Verfügung gestellt · Coffee Variety Glossary · Coffee Family Tree
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World Coffee Research, offizielle Sortenkataloge: „Arabica Varieties Catalog" (Sept. 2025) · „Robusta Varieties Catalog" (Sept. 2025) · „Arabica and Robusta Coffee Varieties" (Poster, 2023) · varieties.worldcoffeeresearch.org
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Coffea anthonyi: Stoffelen et al., TAXON, 2009 (Wiley)
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Excelsa/Liberica-Artabgrenzung: Nature Plants, Aug. 2025 · Daily Coffee News
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Yemenia: Qima Coffee